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Das Sammeln alter Ansichts-Karten erlebt eine Renaissance

Das auslaufende 19. Jahrhundert stand im Zeichen der schrumpfenden Distanzen. Der Ausbau des Schweizer Bahnnetzes fand seinen Höhepunkt mit der Einweihung der Gotthardbahn im Jahr 1882. Die immer besseren Verkehrsverbindungen – 1888 wurde beim Eisenbahnnetz eine Gesamtlänge von über 3000 Kilometern erreicht – lockten die Touristen in Scharen in unser Land. Im Jahr 1894 wurden schon fast drei Millionen Ankünfte gezählt.

Um die Jahrhundertwende machte sich in Europa ein gewisser Wohlstand breit. Westeuropa stand auf dem Gipfel seiner Macht. 1900 produzierte es mehr als die Hälfte der Industriegüter der Welt und kreuzte auf den Weltmeeren mit einem Handelstonnage-Anteil von 71 Prozent. Auf ihren Eroberungszügen kolonialisierten westeuropäische Staaten wie Frankreich und Grossbritannien, aber auch Deutschland und Italien, fast ganz Afrika, öffneten mit dem Suezkanal die Landenge zwischen Mittelmeer und Rotem Meer, setzten sich in Südostasien und Ozeanien fest und errichteten Handelssiedlungen in China.

Die Technik trat in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug an. Erfindungen in allen Bereichen veränderten das tägliche Leben entscheidend. Neben Dampfschiffen und Eisenbahnen erhöhten die ersten Automobile die Mobilität. Telegraf und Telefon beschleunigten den Austausch von Nachrichten. 1880 wurden in der Schweiz über 2.5 Millionen Telegramme aufgegeben. Das 1876 patentierte Bell-Telefon schaffte den Durchbruch in der Schweiz innerhalb weniger Jahre. 1880 konnte in Zürich das erste Ortsnetz in Betrieb genommen werden. Die Schweiz wurde Sitz internationaler Vereinigungen von Post, Telegraf und Eisenbahnen.

Parallel zur Zunahme der Mobilität trat die Ansichtskarte ihren Siegeszug rund um den Erdball an. Erfunden wurde Sie – wenn man der Geschichte glauben darf – 1870 vom Oldenburger Buchhändler A. Schwartz. Auf kommerzieller Basis wurden die ersten Ansichtskarten, die damals noch Bild- oder Ansichtspostkarten hiessen, jedoch nicht in Deutschland, sonder in der Schweiz eingeführt. Im März 1872 wurde von der Nürnberger Firma Carl Rorich & Sohn für den Verlag J.H. Locher in Zürich die erste Stahlplatte mit sechs verschiedenen Motiven der Stadt Zürich gestochen. 1875 waren in Deutschland und in der Schweiz bereits über hundert verschiedene Karten im Umlauf.

Zum Missfallen der Post

Viele Postverwaltungen sträubten sich vorerst gegen die Beförderung der Bildpostkarten. Die Rückseite war bis zum Beginn dieses Jahrhunderts ausschliesslich der Adresse des Empfängers vorbehalten. Für einige Grussworte – oft wurden deshalb, um Platz zu sparen, chiffrierte Zahlen oder stenographische Kürzel verwendet – mussten die weissen Stellen auf der Bildseite herhalten. Die ersten Länder, welche schriftliche Mitteilungen auf der linken Hälfte der Adressseite gestatteten, waren die Schweiz, Frankreich, Italien und Tunesien.

Die Herstellung und der Vertrieb dieser Bildpostkarten entwickelten sich zu einem florierenden Wirtschaftszweig. Der Höhepunkt fiel ungefähr in das Viertaljahrhundert zwischen 1890 und 1915. Damals besassen erst wenige Privatpersonen einen eigenen Fotoapparat, und die Farbfotografie war noch gar nicht erfunden.

Die Lithographie- und Lichtdruck-Anstalten schossen vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie Pilze aus dem Boden und verschafften Tausenden von Fachleuten Arbeitsplätze. Fotografen und Kunstmaler schwärmten in alle Welt aus, um mit Vorlagen wie Fotographien oder Aquarellen für die Landschaftsbilder, die dann möglichst naturgetreu nachgedruckt wurden, zurückzukehren. Für Tausende von jungen Frauen in Deutschland bedeutete das Kolorieren von Bildpostkarten einen sicheren Broterwerb.

Bei den Druckarten dominierte bis etwa 1898 der klassische Steindruck, also ein Flachdruckverfahren, das 1798 in München von Aloys Senefelder erfunden worden war. Farbige Bilder erhielt man, indem verschiedene Drucksteine aus Solnhofer Kalkschiefer – für jede Farbe ein Stein – hergestellt und diese übereinander gedruckt wurden. Nach dem Steindruck war während einiger Jahre der Lichtdruck Trumpf.

Die Schweiz als Spitzenreiterin

Weltweit am grössten war der Pro-Kopf-Verbrauch von Ansichtskarten im Touristenland Schweiz, wo schon 1902 – bei einer Einwohnerzahl von etwas mehr als 3 Millionen Menschen – rund 22 Millionen Ansichtskarten verschickt wurden, davon etwa 8 Millionen aus Schweizer Produktion. Das damalige Inlandporto belief sich übrigens auf fünf Rappen.

Angeheizt wurden Herstellung und Versand von Ansichtskarten in der Schweiz durch einige Grossereignisse um die Jahrhundertwende. Die dritte Schweizerische Landesausstellung lockte 1896 über sechs Millionen Besucher nach Genf. Zwei Jahre später wurde die Produktion von Karten mit Genfer Motiven nach der Ermordung von Kaiserin Elisabeth „Sissi“ von Oesterreich in Genf erneut angeheizt. 1904 wurde die Engadin-Bahn fertiggestellt und in Zürich mit seinen mittlerweile über 150‘000 Einwohner das 7. Eidgenössische Turnfest durchgeführt. Der aufkommende Wintertourismus und die prächtigen Hotelbauten für zahlungskräftige  Touristen lieferten weitere Motive für die Ansichtskartenindustrie.

Während die im zu Ende gehenden Jahrhundert der Massenkommunikation üblichen Feriengrüsse auf Ansichtskarten aus billiger Massenproduktion bestenfalls an einer Büro-Wand langsam vergilben und Staub ansetzen oder kurz nach der Ankunft bei den lieben Verwandten und Bekannten als Wegwerfartikel im Mülleimer landen, finden alte Ansichtskarten immer mehr Liebhaber. Diese Karten in meist einheitlichem Format (9 x 14 cm) enthalten eine Menge historischer Daten und Erinnerungen. Vor allem die Litho-Karten mit Ansichten kleineren Ortschaften entwickelten sich in den vergangenen Jahren im immer grösser werdenden Kreis der Sammler zu einer Art „Kunst des kleinen Mannes“. Allerdings: Ganz naturgetreu ist die Wiedergabe auf den Litho-Karten nicht immer. Gelegentlich wurde  bei der Produktion ein Kompromiss zwischen Wirklichkeit und künstlerischer Ausschmückung eingegangen.

Begehrte Sammelobjekte

Um 1896 erfolgte der grosse Durchbruch für das Sammeln von Ansichtskarten. Schon 1901 soll ein ungenanntes Mitglied des Schweizerischen Zentralvereins für Ansichtskarten rund 60‘000 dieser bunten Dinger besessen haben. Jahrzehnte später erleben die alten Ansichtskarten als Sammelobjekte ein zweites goldenes Zeitalter. Wenn man bedenkt, dass pro Lithographie-Motiv von einem Druckstein 50 bis 3000, höchstens aber  - und nur in Ausnahmefällen – 5000 Abzüge angefertigt wurden, kann man sich leicht ausrechnen, dass von kleineren Schweizer Dörfern oft keine zehn Karten mehr existieren. Der Sammlerwert bestimmter Karten erreicht heute mehrere hundert Franken. Im Gegensatz zu den Litho-Karten liegt der Kurswert der oft kitschig wirkenden kolorierten Ansichtskarten, die hauptsächlich zwischen 1910 und 1930 auf fotografischem Weg entstanden sind, in der Regel bei einigen wenigen Franken.

Das vorliegende Werk erhebt in keiner Weise Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vielmehr ein Versuch, anhand von fast 5000 Stadt- und Dorfansichten um die Jahrhundertwende die schönsten und interessantesten Dokumente zu publizieren und die Freude an der populären Heimat-Kunst zu wecken.