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Die Geschichte eines Plakates 

Otto Morach, Plakatgestalter der zwanziger Jahre 

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Otto Morach wurde im Jahr 1887 im solothurnischen Hubersdorf geboren. Nach seinem Studium zum Sekundarlehrer zog es ihn ins Ausland, wo er während seines Aufenthaltes in Paris den Kubismus und Futurismus miterlebte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, kehrte er zurück in die Schweiz. In dieser Zeit entwickelte Morach eine eigenständige Aussagekraft, die sich in expressiver Kunst zeigte.

Bald begann Morach sich intensiv mit einer ihm noch wenig bekannten Richtung zu beschäftigen, mit der angewandten Kunst. Nach seinen ersten Plakatentwürfen, unter anderem für die „Schweizer Werkbund Ausstellung", kam er in Kontakt mit der graphischen Anstalt Wolfsberg. Die Zusammenarbeit mit den dortigen sehr erfahrenen Lithographen schätzte er sehr und schuf in den nächsten zehn Jahren eine Reihe wichtiger Plakate, die sich vor allem durch einen grosszügigen Aufbau bemerkbar machten.

Morach arbeitete für diverse Museen, Organisatoren von Ausstellungen, Produktehersteller sowie auch für Transportunternehmen. So kam es, dass er etwa im Jahr 1921 ein Plakat für die Bremgarten-Dietikon-Bahn schuf.

Morach fuhr nach Bremgarten, dem Städtchen an der Reuss, dessen ausgeprägtes Ortsbild gekennzeichnet wird durch die geschlossenen Häuserzeilen und spitzhelmigen Türmen, den farbigen Ziegeldächern, den Brücken und der umfliessenden Flussschlinge. Hier begann er seine Eindrücke in einem Skizzenbuch festzuhalten. Die einzelnen Farben der Häuserfronten und der leuchtenden Wirtshausschilder interessierten ihn besonders. Mit leichten Rundbewegungen spürte er den geschwungenen Linien nach und setze die barocken, gleichsam im Himmel schwebende Gebilde zusammen. Um weitere architektonische Details zu entdecken, begab er sich zur alten Holzbrücke, deren Konstruktion er genau beobachtete. Hier schritt er flussaufwärts. Nun konnte er vom gegenüberliegenden Ufer aus die Häuserzeilen dicht gedrängt vor sich sehen. Er zeichnete architektonische Besonderheiten, so den Turm, den er als sehr hoch und schlank empfand mit den glänzenden Ziegeln in den Farben blau, weiss und grün, braun. Die rotierende Bewegung dieser zügelnden Farbbänder nahm ihn derart gefangen, dass er sie mehrmals wiederholte. In präzisen Zügen merkte er sich deren richtige Höhe, die gesamthaft gesehen ist, eine Verschachtelung bilden, ähnlich einem Satz ineinandergestellter Schüsseln. In wenigen Strichen spürte er den Rhythmus der Senkrechten in den Fensterfronten nach und Abtreppungen der blockhaften Fundamente, die terrassiert gegen den Fluss abfallen. Diese Detailbeobachtungen setzte er nun nicht zu einem bunten merkwürdigen Vielerlei zusammen, sondern fügte sie zu einer geschlossenen Komposition.

Danach schritt Morach auf einem Uferweg weiter flussabwärts. Bald konnte er auf überraschender Weise in völlig neuer Sicht mit einem einzigen Blick beide Stadtteile zusammen samt Fluss und Brücken erfassen. Diese veränderte Situation liess dem Künstler vom Breit- zum Hochformat wechseln. Und in kühner Verschiebung die beiden Zonen in perspektivischer Schrumpfung zusammensetzen. Die Eisenbahnbrücke von diesem Standpunkt aus gesehen, am Fusspunkt der Häuser einmündend, führte der Künstler seitenverkehrt, so wie er sie von Osten her gesehen hatte, ins Bild ein, nämlich über die Dächer der angrenzenden Häuser führend. Sie hebt sich nun als schwungvoller Viadukt ab und trägt wesentlich bei zu dieser neuen, nicht mehr realistischen Bildarchitektur. Aus dieser Sicht, gewonnen an Ort und Stelle in Bremgarten, zeichnete und malte Otto Morach eine Reihe von Entwürfen, in denen er schrittweise eine Flächeneinteilung mittels ausgreifender, sich ausserhalb des Bildes treffender Linienzüge gewann. So wie eine kräftige Farbgebung und sparsame, wirkungsvoll gesetzte Akzente, entwickelt aus den einzelnen Gebäudeteilen der Stadt Bremgarten.

Die Farblithographie im Weltformat für die Bremgarten-Dietikon-Bahn wirkt auf den heutigen Betrachter wie ein Fund von glücklichen Zufall einem expressionistischen Künstler zugespielt. Von der harten Arbeit, die der Gestalter vor dem grossen Wurf zu leisten hatte, erzählt in eindrücklicher Art das Skizzenbuch, dass Otto Morach damals bei sich trug.